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12. Oktober 2006

10 Jahre „Institute for Theoretical Biology“ der Humboldt-Universität - Symposium: Where is Theoretical Biology Heading?

Abgelegt unter: Berlin, Humboldt-Universität — info @ 20:49

Als „Innovationskolleg Theoretische Biologie“ wurde das ITB 1996 an der Humboldt-Universität und Charité mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und des Bundesministeriums für Bildung Forschung (BMBF) gegründet. In diesen Tagen feiert das inzwischen als „Institute for Theoretical Biology“ im In- und Ausland bekannte ITB sein zehnjähriges Bestehen mit einem Festsymposium, bei dem viele international renommierte Wissenschaftler aus den experimentellen und theoretischen Biowissenschaften über neue Ergebnisse und ungelöste Fragen ihrer Arbeitsfelder sprechen (http://itb.biologie.hu-berlin.de/Events/Workshops/tenth). In diesen zehn Jahren ist die Zahl der Mitarbeiter am ITB von unter zehn auf über 70 gewachsen, neben den drei permanenten Professuren (siehe Anhang) sind vier unabhängige und durch die VolkswagenStiftung beziehungsweise DFG finanzierte Nachwuchsgruppen ans ITB gekommen, das Hauptfach „Theoretische Biologie“ wurde etabliert, viele Tagungen und Schulen durchgeführt, und neue Verbundprojekte auf den Weg gebracht. Ehemalige Mitarbeiter des ITB finden sich inzwischen weltweit in führenden Forschungsinstitutionen aber auch in Berliner BioTech-Firmen. Insgesamt sind durch das ITB Drittmittelprojekte in Höhe von weit mehr als 25 Millionen Euro initiiert worden. Aus Sicht der drei ITB-Professoren waren vor allem folgende Punkte für die Etablierung neuer Forschungsbereiche wichtig:

1. Vision: Angeregt durch neue experimentelle Techniken konnte die Biologie in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ungeahnte Fortschritte erzielen. In zentralen Bereichen der Biologie sind aber auch die Grenzen traditioneller Methoden und Konzepte deutlich geworden, nicht zuletzt aufgrund der enormen Flut zunehmend maschinell erzeugter Daten. Eine große Herausforderung bestand (und besteht auch weiterhin) deshalb darin, diese Grenzen zu überwinden und die Integration biologischen Wissens voranzutreiben. Es zeichnete sich vor allem ab, dass neue theoretische Konzepte, moderne Methoden der Datenanalyse und verfeinerte mathematische Modelle eine strategische Rolle für die weitere Entwicklung der Biologie im 21. Jahrhundert spielen würden. Es ist das große Verdienst von Prof. Rüdiger Wehner (Universität Zürich und Wissenschaftskolleg zu Berlin), dieses enorme Potential früh erkannt, und daraus zielstrebig das Konzept für ein neues Forschungsinstitut entwickelt zu haben.

2. Mischung aus lokaler und externer Expertise: In Zusammenarbeit mit Berliner Wissenschaftlern – hier sind vor allem Prof. Dr. Werner Ebeling (HU Physik), Prof. Dr. Cornelius Frömmel (Charité), Prof. Dr. Reinhart Heinrich (HU Biophysik) und Prof. Dr. Bernhard Ronacher (HU Biologie) zu nennen – anderen renommierten deutschen Forschern – u.a. Prof. Dr. Wolf Singer (MPI für Hirnforschung in Frankfurt), Prof. Dr. Christoph von der Malsburg (Universität Bochum) und Prof. Dr. Günther Palm (Universität Ulm) – und mit Unterstützung durch das Wissenschaftskolleg zu Berlin wurde das ITB etabliert. Damit war das es von Anfang an sowohl lokal verankert als auch überregional eingebunden.

3. „An einem Strang“ – vom Institut bis zur Universitätsleitung: Entscheidend für die erfolgreiche DFG-Bewerbung war auch die Bereitschaft aller beteiligten Organe der Humboldt-Universität und Charité, die Professuren des ITB nach Ablauf der fünfjährigen DFG-Finanzierung langfristig zu übernehmen. Tatkräftige Hilfe kam zudem von Prof. Ronacher, der als Sprecher des Innovationskollegs und lokaler Mentor innerhalb der Universität und darüber hinaus engagiert Überzeugungsarbeit geleistet hat – ohne selbst direkt von ITB-Mitteln zu profitieren.

4. Gemeinsame und transparente Berufung: Die drei Professoren des ITB wurden zusammen in einem öffentlichen Symposium unter großer Beteiligung der Berliner Wissenschaftsgemeinde durch eine gemeinsame Kommission mit externen Experten ausgewählt. Zusammen mit der raschen Bearbeitung durch die universitären Gremien und die Senatsverwaltung konnten die Berufungsverfahren damit in kurzer Zeit abgeschlossen werden.

5. „Ein gemeinsames Haus“ statt „my lehrstuhl is my castle“: Durch die parallele Berufung der drei ITB Professoren – die vorher nicht gemeinsam gearbeitet hatten – entstand vom ersten Moment an eine eng verbundene Gruppe von Professoren und Mitarbeitern. Miteinander sind neue Drittmittelprojekte initiiert und Lehrkonzepte entwickelt worden, durch gegenseitige Vertretung nahm die Gremien- und Verwaltungsarbeit nicht überhand. Die gesamte Infrastruktur des ITB (u.a. Sekretariat, Systemadministration) wird gemeinsam genutzt. Und: alle Gruppen des ITB sind in einem renovierten Seitenflügel des Naturkundemuseums mit gemeinsamem Seminarraum untergebracht, was den Austausch über die einzelnen Fachrichtungen hinaus sehr unterstützt.

6. Kritische Masse: Die breite fachliche Ausrichtung des ITB bei gleichzeitiger Konzentration auf inhaltlich benachbarte und methodisch verwandte Gebiete ist für Studenten, Doktoranden, Postdocs und Gastwissenschaftler attraktiv. Die daraus entstandene positive Rückkopplungsschleife hat zur Ansiedelung von bisher vier unabhängigen Nachwuchsgruppen geführt. Heute umfasst das ITB bei ca. 10 Hausstellen mehr als 70 Wissenschaftler aus über 15 Ländern.

7. „Fordern & Fördern“ – Integration von Studenten: Die Fähigkeiten angehender Biologie-Studenten im Bereich der Mathematik und des analytischen Denkens sind oft nicht befriedigend – umgekehrt sind diese Fähigkeiten absolut notwendig, um Biologie als moderne Naturwissenschaft betreiben zu können. Das ITB engagiert sich deshalb schon im Grund- bzw. Bachelor-Studium mit Vorlesungen und intensiven Tutorien (6-8 Studenten pro Tutor) in der Mathematik-Grundausbildung. Die Tutoren werden durch ihre Arbeit am ITB automatisch an dessen Forschungsprojekte herangeführt und stellen als hoch motivierte Studenten einen wichtigen Teil des wissenschaftlichen Nachwuchses.

8. Effektive and flexible Mittelverwaltung: In enger und unbürokratischer Zusammenarbeit von Humboldt-Universität, Charité, DFG, BMBF, Alexander-von-Humboldt Stiftung, VolkswagenStiftung, Studienstiftung und anderen Stiftungen konnten Mittel fast immer mit hoher Effizienz eingesetzt und kurzfristig auftauchende Lücken überbrückt werden. Von besonderer Bedeutung waren Gästemittel, mit denen seit ITB-Gründung mehr als 500 Gastwissenschaftler eingeladen werden konnten.

9. Offenheit für neue Entwicklungen: Das ITB versteht sich als Ort des intensiven Austauschs für alle an Lebenswissenschaften interessierten Forscher im Berliner Raum – von den Natur- bis zu den Sozial- und Geisteswissenschaften. Dies schließt insbesondere ein, dass neue Forschungsimpulse aufgegriffen und in konkrete Projekte umgesetzt werden. Eine enge Fixierung auf die ursprüngliche Thematik des ITB würde der Dynamik der modernen Lebenswissenschaften nicht gerecht werden. In verschiedenen Konstellationen sind deshalb eine ganze Reihe neuer Forschungsverbünde mit unterschiedlichen Schwerpunkten etabliert worden (siehe Anhang). Viele dieser Projekte widmen sich konkreten Fragestellungen für eine begrenzte Zeit, womit auch die Gefahr einer inhaltlichen und institutionellen Verkrustung verringert wird. Vor allem aber zeigt die Geschichte des ITB, dass strategisch eingesetzte Ressourcen einer Universität zu sich selbst verstärkenden wissenschaftlichen Aktivitäten führen, die auch im internationalen Wettbewerb keinen Vergleich scheuen müssen.

Anhang – ITB Kerndaten:

- Koordinatoren der Erstantragsstellung (1994): Prof. Dr. W. Ebeling (HU Physik), Prof. Dr. C. Frömmel (Charité), Prof. Dr. R.Heinrich (HU Biophysik), Prof. Dr. B. Ronacher (HU Biologie), Prof. Dr.Rüdiger Wehner (Universität Zürich Wissenschaftskolleg) - DFG-Förderung: 1996-2001 als „Innovationskolleg Theoretische Biologie“ (INK 7) - Seit 2002: FachInstitut für Theoretische Biologie - Seit 2003 „Hauptfach Theoretische Biologie“ im Biologie Diplom-Studium - 3 Professuren o Prof. Dr. Peter Hammerstein (HU Biologie): Organismische Evolution o Prof. Dr. Andreas V.M. Herz (HU Biologie): Theorie neuronaler System o Prof. Dr. Hanspeter Herzel (Charité): Molekulare und zelluläre Evolution Zweitmitgliedschaften in Charité (Hammerstein, Herz) / Math.-Nat. Fak I (Herzel) - Derzeit 4 Nachwuchsgruppen o Dr. Laurenz Wiskott: Neural Computation (VW-Stiftung) o Dr. Michal Or-Guil: Theoretische Immunologie (VW-Stiftung) o Dr. Richard Kempter: Theoretische Neurobiologie (DFG: Emmy-Noether Programm) o Dr. Markus Kollmann: Theoretische Systembiologie (DFG: Emmy-Noether Programm) - Derzeit ca. 70 Mitarbeiter (davon nur ca. 10 Hausstellen, Rest: drittmittelfinanziert) aus mehr als 15 Ländern - Werdegang bisheriger Mitarbeiter: Vier Rufe auf Professuren, mehrere Emmy-Noether und HFSP Stipendiaten, Eigenständige DFG-Projekte, Gründer und Mitarbeiter von BioTech-Firmen, Unternehmensberater, Tätigkeit an deutschen und internationalen Universitäten und nichtuniversitären Forschungseinrichtungen … - 10 Herbstschulen mit unterschiedlichsten Themen der modernen Biologie – von „Musterbildung“ bis „Altern“; Organisation von mehr als 30 Tagungen und Workshops - Mehr als 500 Gastwissenschaftler - Initiierung und/oder Beteiligung an größeren Verbundprojekten (seit der Gründung des ITB: Einwerbung von mehr als 25 Mio. Euro Drittmittel): o DFG-Sonderforschungsbereich 618 „Theoretische Biologie – Robustheit, Modularität und Evolutionäres Design lebender Systeme“ o BMBF Plattform „Neuroinformatik“ o BMBF Verbund „Systembiologie“ o Berlin Center for Genome-Based Bioinformatics o Bernstein-Zentrum für Computational Neuroscience o Zentrum für Biophysik und Bioinformatik der Humboldt-Universität zu Berlin o Fünf DFG-Graduiertenkollegs o Studiengänge: Molecular Medicine, Medical Neuroscience, Computational Neuroscience

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