Methode zur Behandlung jugendlicher Straffaelligkeit wird jetzt vorbeugend bei dissozialen Schuelern eingesetzt
Mit rund 640.000 Euro foerdert die Stiftung der Deutschen Klassenlotterie Berlin ein Projekt zur Praevention jugendlicher Straffaelligkeit der Denkzeit-Gesellschaft e.V. in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsbereich Sozialpaedagogik der Freien Universitaet Berlin. Mithilfe der von Professor Juergen Koerner und seiner Arbeitsgruppe entwickelten Denkzeit-Methode werden in den naechsten drei Jahren 240 aggressiv-auffaellige Schueler im Alter von 14 bis 16 Jahren betreut, bevor sie in die Kriminalitaet abrutschen.
Bisher kam die Denkzeit-Methode erst zum Zuge, wenn der Jugendliche bereits eine schwere Straftat begangen hatte. Nicht zuletzt wegen zahlreicher Hilferufe aus den Schulen machte sich Koerner daher fuer eine vorbeugende “Denkzeit” in der Schule stark, unterstuetzt von Berlins Senator fuer Bildung, Jugend und Sport, Klaus Boeger (SPD).
Rund 50 im Denkzeit-Verfahren trainierte Sozialpaedagogen stehen bereit, die sozialkognitiven Faehigkeiten der jungen Teilnehmer zu foerdern: Einfuehlungsvermoegen, moralisches Urteil und Entscheidungsfaehigkeit. “Am Ende ist der Jugendliche in der Lage, in entscheidenden Situationen nicht unreflektiert zu handeln, sondern einen Augenblick nachzudenken. Diese ,Denkzeit’ ist der entscheidende Faktor”, sagt Juergen Koerner von der Freien Universitaet Berlin.
Kurzfristige Konflikte mit dem Gesetz sind in der Pubertaet durchaus typisch. Sie lassen sich meist durch Massnahmen innerhalb der Familie aus der Welt schaffen. Andererseits gibt es Jugendliche, die in den Schulen frueh durch bestaendiges dissoziales Verhalten auffallen und Gefahr laufen, eine delinquente Karriere einzuschlagen. An sie richtet sich das aktuelle Projekt. Zwar werden nur etwa fuenf Prozent aller Jugendlichen zu “Intensivtaetern”, doch gehen auf deren Konto mehr als die Haelfte aller Straftaten. Ein rechtzeitiger Eingriff kann in vielen Faellen die delinquente Karriere verhindern.
Senator Klaus Boeger: “Wir wollen diesen Jugendlichen zeigen, wohin der Weg der Kriminalitaet fuehrt und wie sie diesen Weg abbrechen koennen. Dazu brauchen sie Denkzeit. Nach einem Jahr Denkzeit zeigt sich, dass wir frueher mit diesen Jugendlichen arbeiten koennen und muessen. Um schon in der Schule mit der Praeventionsarbeit zu beginnen, hat der Senat die finanzielle Foerderung von Denkzeit aufgestockt.”
Die Wirksamkeit der Denkzeit-Methode ist wissenschaftlich belegt: In einer Studie der Freien Universitaet Berlin erzielte das Training gute Effekte und das Rueckfallrisiko der Jugendlichen wurde sehr deutlich (statistisch signifikant) verringert.
Das Denkzeit-Training hebt sich vor allem durch die Haltung des Paedagogen von den herkoemmlichen sozialpaedagogischen Massnahmen ab. Die Trainer sind darauf ausgebildet, sich auch in sehr konfliktreichen Beziehungen zurechtzufinden. “Sie lassen sich weder durch Provokation noch durch Verfuehrung mit erwuenschtem Verhalten von ihrer wohlwollend-zugewandten Rolle abbringen”, sagt Juergen Koerner.